Forschung und Lehre

Forschung

Die Orientierung an neuen Produktionstechniken, ausgelöst durch die vierte industrielle Revolution in der Textilbranche, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Durch die Interaktion mit „intelligenten“ Systemen an Maschinen und mit zunehmender Automation ändern sich Prozesse, Arbeitsstrukturen und Aufgaben der Mitarbeiter/innen auf allen Ebenen. Die Arbeitsinhalte werden komplexer, erweiterte und veränderte Kompetenzen werden notwendig. Gleichzeitig hat die Zahl der Arbeitnehmer/innen in der Textilbranche in über 60 Jahren im Vergleich zu anderen Branchen sehr stark zugenommen.

Dieses Zusammenspiel zwischen sozialen und technischen Innovationen, entstehend aus der Einführung neuer Produktionsverfahren und der älter werdenden Belegschaft in der Textilbranche, wird die Arbeitsgruppe „SozioTex“ aus ingenieurs- und gesellschaftswissenschaft-
licher Perspektive betrachten.

In Kooperation mit Industrie- und Forschungspartnern wird an Hand von Demonstratoren die Adaption von vorhandenen 4.0 Lösungen auf die Textiltechnik überprüft, die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Belegschaft ermittelt, die Anschlussfähigkeit der Unternehmen getestet und Handlungsempfehlungen aus best practice-Beispielen abgeleitet.

Industrie 4.0 kann nur funktionieren, wenn die Mitarbeiter/innen von vornherein bei der Gestaltung des Wandels berücksichtigt werden, da sie diejenigen sind, die Systeme integrieren und nutzen.

Lehre

Lernen aus der Forschung und für die Forschung – Studierende der Soziologie und der Gesellschaftswissenschaft erhalten Einblick in den Forschungsprozess von SozioTex und bringen eigene Ideen zu den jeweiligen Themen ein.

Es werden Seminare für Bachelorstudierende der Gesellschaftswissenschaften und für Masterstudierende der Soziologie am Institut für Soziologie der RWTH Aachen University angeboten, die verschiedene Aspekte des Projekts SozioTex behandeln. In den Seminaren von Frau Dr. Altepost werden Studierende am Beispiel von SozioTex in die interdisziplinäre Forschung eingeführt. Sie erhalten nicht nur Einblick in den Forschungsprozess von SozioTex, sondern auch die Gelegenheit, diesen im Rahmen ihrer sozialwissenschaftlichen Ausbildung lernend weiter zu entwickeln. Die konsequente Auffassung der Einführung neuer Technik in die Produktion als soziotechnische Systemgestaltung hat z. B. in SozioTex einen partizipativen Ansatz impliziert.

Im Wintersemester 2018/2019 fand unter Leitung von Frau Dr. Altepost ein Seminar mit dem Titel „Der digitale Wandel – unfassbar? Technografie – ein Programm zur empirischen Erforschung der Mensch-Technik-Interaktion“ statt. Ziel war es, ein von Rammert entwickeltes empirisches Forschungsprogramm, die Technografie, anzuwenden. Die Technografie dient dazu aus mikrosoziologischer Perspektive die Interaktion von Menschen und Technik als soziotechnische Systeme näher zu analysieren. Die detaillierte Beobachtung der Mensch-Technik-Interaktion mittels qualitativer Methoden steht im Vordergrund. Am Beispiel der Entwicklung und Implementation eines digitalen Assistenzsystems in der deutschen Textilindustrie im Projekt SozioTex wird u. a. erarbeitet, was digitaler Wandel und was Technografie bedeutet, welche Erkenntnisse sie liefern kann, welcher Methoden sie sich im skizzierten Anwendungsfall bedienen könnte und wie diese ggfs. konkret auf die Digitalisierung zugeschnitten werden. Das Seminar schloss an die Ergebnisse des Projektes SozioTex an und generierte neue praxisorientierte Zugänge.

Technografische Analyse: Mensch-Technik-Interaktion im Rahmen von Virtual Reality (Quelle: Institut für Textiltechnik RWTH Aachen University)

Im Sommersemester 2018 stand ein partizipativer Ansatz im Mittelpunkt des Seminars „Partizipation im digitalen Wandel: Implementation eines digitalen Assistenzsystems für die Textilindustrie“. Das Seminar zielte auf eine theoretisch-methodische Fundierung des partizipativen Ansatzes ebenso wie auf die Anwendungsorientierung der Seminarerkenntnisse für die tatsächliche partizipative Gestaltung des soziotechnischen Systems im Projekt SozioTex. Es wurden Fragestellungen behandelt wie z. B.: Welche sozialen Gruppen müssen hierzu berücksichtigt werden? Mit welchen Methoden können dabei Beiträge erzielt werden, die konkrete Verbesserungen am technischen System ermöglichen? Welche Vorbereitungen – ggfs. auch auf die Testpersonen bezogen – sind dazu erforderlich? Mit welchen Besonderheiten und spezifischen Anforderungen ist Partizipation in der digitalen Transformation verbunden? Und schließlich: Welche Standards sind an die Partizipation selbst anzulegen?

Tafelbild: Rollenspiel partizipative Ausarbeitung eines Konzepts zur erweiterten Wirtschaftlichkeitsrechnung für ein Assistenzsystem

Ein weiteres Seminar im Wintersemester 2017/2018 befasste sich mit der „Evaluation soziotechnischer Systeme am Beispiel der Laborerprobung eines Assistenzsystems für die Textilindustrie“. Anknüpfend an eine Einführung in Theorie und Methoden der Evaluation erarbeiteten die Studierenden Ergebnisse in den Bereichen Akzeptanz, Usability und Wirtschaftlichkeit, die in die Forschung mit einfließen konnten. Neben einem Poster zur Akzeptanzforschung und einer kritischen Analyse in Frage kommender Wirtschaftlichkeitskonzepte wurde ein Instrument zur Usability-Bewertung entwickelt und mittels eines selbstständig durchgeführten Nutzertests erprobt.

Erprobung eines Nutzertests zur Usability im Rahmen einer Seminararbeit (Quelle: Institut für Textiltechnik RWTH Aachen University)